Immer wenn ich die Gelegenheit habe, irgendwo an einem Ort zu stehen und auf etwas oder jemanden zu warten, betrachte ich die Frauen, welche an mir vorbei gehen. Sie sind chic gekleidet, haben die Haare gefärbt und manchmal aufwändig geflochten oder toupiert und sie laufen auf tollen Schuhen mit tollen Absätzen. Schon von weitem, kann ich am Gang der Silhouette erkennen, das bei vielen das Becken schief gekippt ist, der Rücken sich leicht krümmt, das Gesicht angestrengt aussieht und der Blick gehetzt ist. Manche sehen auch verträumt in die Welt, mit trüben Augen und hängenden Schultern, schlurfen sie in abgetretenen roten Ballerinas an mir vorbei. Die Ellbogen fest an den Körper gepresst und die Pobacken zusammengeklemmt. Und dann, ganz selten, aber manchmal kommt es vor. Dann kommt eine Wölfin vorbei. Sie sticht aus der Menge, denn ihre Aura nimmt Platz ein. Sie läuft nicht durch die Straßen, sie schreitet. Mit gerader Wirbelsäule, ruhigen starken Schritten und mit einem klaren Blick. Man sieht wie sie die Nase in den Wind hält, weil sie gerade einer Fährte nachgeht. Ihr Haar streift wild um ihr Gesicht und ihre Hüften schwingen rhythmisch mit. Es ist keine Farberatung, kein Umstyling und auch kein neuer Haarschnitt, der dieses Auftreten so ereignisreich macht. Es ist die pure Lebenserfahrung. Eine Frau die ihr Sterben beheult hat, ihre Jungen beschützt und ihr Rudel gefunden hat. Eine Frau, die sich am eigenen Schopf aus dem Dreck gezogen hat, aufgetaucht wie der Phoenix aus der Asche. Sie hat ihr Herz in Stücke geschnitten und verschenkt, und trotzdem fehlt es ihr an nichts. Sie ruht in ihrem Becken und weiss, wer ihr begegnet. Sie kennt die Fluchtfährten und falschen Köder. Sie weiss um die Reviere der Jäger und anderen Angreifer. Und gleichzeitig pirscht sie durch den Alltag. Jederzeit bereit, dich in den Arm zu nehmen und zu wiegen und ihr Leben für ihre Töchter zu lassen.