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Für eine körperliche Heilung gibt es keine Garantie. Es spielen zu viele Faktoren mit hinein um sagen zu können, dass etwas komplett und ohne Narben verheilen wird. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um ein körperliches oder seelisches Leiden handelt. Einer dieser Faktoren welcher hier ins Spiel kommt ist das Schuld- und Schamgefühl. Es ist ein ausgesprochen starkes Gefühl und sitzt tief verwurzelt in den Gedanken, dem Mindset und der Geschichte der Person.

So gibt es zum Beispiel diese Mutter, die sich in jungen Jahren nach zwei ersten Kindern für eine Abtreibung entschieden hatte, obwohl sie schon immer pro-Life war. Ein Jahr später bekam sie noch drei weitere Kinder, welche sie auch geboren und grossgezogen hatte. Jedoch war sie dann schon nicht mehr die Gleiche. Das Schuld- und Schamgefühl welches sie sich gegenüber und dem Ungeborenen empfunden hatte, als sie gegen ihre innersten Prinzipien handelte, vor allem nachdem sie noch dreimal ein Kind geboren hatte, muss sie schier innerlich gespalten haben. Sie konnte sich nicht verzeihen.

Ich bin in Wien aufgewachsen, eine Grossstadt in der die Menschen viel von sich halten. Damals habe ich noch gelernt, dass die Frau vom Herrn Doktor auch Frau Doktor heisst, obwohl sie vielleicht nur Hausfrau war. Seinen Ruf zu wahren und gegenüber der elitären Gesellschaft immer den Status zu behalten war ein tägliches Familienziel. Unsere Familie viel in mehrerer Hinsicht in Ungnade. Da gab es die Grossmutter die mit 16 schwanger wurde und heiraten musste, um sich dann mit kurz nach 20 wieder scheiden zu lassen und ein Leben Alleinerziehend zu führen. Dann gab es mich und meinen Bruder mit einem arabischen Vater. Er wurde teilweise beäugt wie ein exotisches Tier im Zoo das man nicht so recht einordnen konnte. Danach hat man uns betrachtet. So sahen wir nicht wirklich schwarz aus, aber so ganz weiss waren wir halt auch nicht. Die Ehe hielt nicht lange und so war auch meine Mutter Alleinerziehend und wir die Kinder eines Ausländers. Wann und wo und wie genau das Gefühl entstanden ist, kann ich heute nicht mehr genau sagen. Es ist schleichend und durch viele Situationen entstanden. Und auch wenn Wien damals und heute multikulturell ist, so hatte ich immer das Gefühl mich für die Herkunft meines Vaters schämen zu müssen. „Unkraut“, war das Wort, das über meine Kindheit schwebte. Mein Vater war eine Schande und diese Schande färbte mit meiner Geburt auf mich ab. Dass die Scheidung eine Schlammschlacht wurde half dabei nicht.

Ich habe einen Artikel in der Republik gelesen, über die zerstörerische Macht des sozialen Urteils. Ein Interview mit Didier Eribon. Es gibt viele soziale Verurteilungen. Schon alleine wenn du Frau, schwul oder schwarz bist. Aber auch wenn du aus einer Arbeiter- oder Bauernfamilie kommst. Wenn du ohne Vater oder ohne Mutter aufgewachsen bist, usw.
Wie kommt man aus dem Gefühl der Schande heraus? In dem man Schande in Stolz verwandelt, so habe ich es irgendwann gemacht. Mich mit der Seite meines Vaters versöhnt und meine Wurzeln nach vorne getragen. Didier Eribon warnt davor, dass Stolz sich in einen Zwang verwandelt und man sich selber neu begrenzt und auch das kenne ich. Nicht alles was mein Vater und seine Herkunft verkörpert ist gut. Nicht gegen alles muss ich rebellieren. Aber der Stolz kann die innere Scham heilen, in dem man annimmt, was gegeben ist. Seit Geburt.

In meiner Arbeit spreche ich auch oft davon sich mit seiner Geschichte zu versöhnen. Jeder kennt das Gefühl, sozial ausgegrenzt zu werden. Das was trennt, kann auch vereinen, das sieht man auch an der aktuellen #metoo Diskussion. Wir sind alles Frauen! Wir wissen alle, wovon wir sprechen wenn es um #metoo geht. Gleichzeitig könnte der Graben nicht grösser sein wenn wir von Mutterschaft sprechen. Über die Erziehung, das Stillen oder Schlafgewohnheiten steht eine ganz gegenteilige Diskussion.

Entdecke deine Facetten und steh dazu! Denn es gibt nicht DEN Weg, DIE Persönlichkeit, DAS Aussehen, DIE Herkunft, DAS Geschlecht. Jeder hat seine schwarzen oder blinden Flecken, jeder kämpft mit seinen Hürden und Hindernissen. Also richte auch ich meinen Fokus nach innen zu mir. Ich bin, die ich bin:
Ein arabisches Unkraut das nicht verdirbt und den widrigsten Umständen trotzen kann, aber gleichzeitig nicht vergisst aufzublühen und das Leben mit offener Blüte neu zu erleben.

Bild von Pexels Kat Smith

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