Vielleicht bist du eine der glücklichen Müttern, die wenigstens vor der ersten Schwangerschaft wusste wer sie war und was sie konnte. Oder du zählst du den wunderbaren Ausnahmen, dass du auch jetzt als Mutter weißt, wer du bist. Ich persönliche wusste bis vor meiner ersten Schwangerschaft sehr gut wer ich war. Ich war eine Geschäftsfrau, taff, selbstbewusst, mit Style und einem Erkennungsmerkmal. Ich Geschäftsleben sehr straight mit klaren Linien, privat kreativ und viel unterwegs. Auf Reisen, in Weiterbildungen, beim Networking.

Wann kam der Umbruch?
Das ganze hat sich dann schon in der Schwangerschaft etwas aufgeweicht und verschwommen. Einerseits weil mein Kopf mit Schwangerschaftswochen und Entwicklungsschüben voll war, andererseits weil ich plötzlich das starke Bedürfnis hatte noch schnell meine Selbstständigkeit im Coachingbereich vorzubereiten.

Nach einer schockierenden Geburt und einem schmerzerfüllten Mutterschaftsurlaub von 16 Wochen war ich eine absolut glückliche Mutter und absolut unglückliche Teilzeitarbeitende auf dem Abstellgleis mit einem After-Baby-Body. Diese Tatsache musste ich erst einmal verdauen und es hat weitere 12 Monate gedauert bis ich wusste, wer bin ich denn jetzt?

Findungsprozess durchlaufen
Ich glaube, dass es eher selten ist, dann man morgens aufwacht und weiss, wie der Hase jetzt zu laufen hat. Ich glaube, dass man erst einige Zeit braucht bis man überhaupt weiss, welcher Hase wo hinläuft. Ich habe in den 12 Monaten Findungsphase alle Emotionen mehrmals durchlebt. Wobei ich hier festhalten muss, dass sich die Frage ob ich überhaupt Mutter sein möchte nie gestellt habe. Ich war und bin absolut glückselig als Mami. Es ging mir allerdings um die Rolle um das Mami-sein Drumherum. Ich habe mich einige Zeit nicht wirklich als Mensch gefühlt. Mit all den Windeln und Spucken riecht man schrecklich und sieht irgendwie immer völlig durchzecht aus. Zumindest fühlte ich mich so. Für mich war relativ schnell klar, dass ich keine Vollzeit-Mami sein werde. Ich brauche die Abwechslung, Outfit-technisch, aber auch Gesprächs-technisch und Gedanken-technisch. Kurz gesagt: Ich muss ab und an raus und auch mal was anderes sehen, denken und reden können.

Die mentale Einstellung
Unser Sohn ist ein wunderbares Kind, allerdings haben wir das mit dem Schlafen nie so richtig hingekriegt. Ich habe gelernt, dass jedes Kind mindestens etwas hat, was nicht so richtig nach Plan läuft. Zum Glück muss man ja sagen so sind sie ja eigenständige kleine Persönlichkeiten. Ich hatte auf jeden Fall in den ersten 1,5 Jahren nachts immer viel Zeit zum nachdenken und arbeiten gehabt. Ein Vorteil der sich daraus ergebenden Schlafstörungen, aber auch nicht unbedingt förderlich für einen wiederfindenden gesunden Schlafrhythmus… Durch die emotionalen Auf und Ab habe ich relativ bald herausgefunden was ich auf jeden Fall nicht möchte. Und wenn man weiss was man nicht möchte, findet man auch raus was man denn tatsächlich möchte. Ich wusste, dass ich immer für meine Familie da sein möchte und im speziellen für meinen Sohn. Somit war klar, dass ich den Schritt in die Selbstständigkeit weiter machen würde. Der Fokus war gesetzt und damit fiel es mir immer leichter, die ersten Änderungen auch im Alltag umzusetzen.

Inseln schaffen – dazu zählt auch die Badewanne, der Waschkeller, die Toilette und der Balkon (notfalls zählt auch die Garage)
Ich bin an den ganzen Tipps fast verzweifelt und ich will das Thema Schlaflosigkeit gar nicht gross ausführen. Wer es im Detail wissen möchte kann im Google „hilfe mein kind schläft immer noch nicht durch“ eingeben und sich die 7’500’000 Beiträge durchlesen. Alle anderen wissen was ich meine. Flimmern und Punkte vor den Augen, ein Gedächtnis wie ein Sieb, ein Kurzzeitgedächtnis das den Geist aufgegeben hat und eine Wohnung voller Post-it’s damit man überhaupt weiss was man tun soll. Meine Insel war der Balkon, da ich nach der Stillzeit wieder angefangen habe zu rauchen und die Badewanne. Diese Zeiten waren mit heilig und da erlebte ich den Moment der Ruhe als 5-Stern-Wellness-All-Inklusive-Malediven-Luxus-Ferien-Programm. Der einzig wirklich wertvolle Tipp für mich also: Iss was da ist, schlaf wenn du kannst, geh notfalls in den Keller damit du wenigstens einmal am Tag 15 Minuten Stille hast und es geht vorbei.

Woher die Kraft nehmen?
Es ist erstaunlich wie sehr die Batterie am Boden sein kann, aber für meinen Sohn hätte und würde ich alles tun. Und das war der Nährboden für meinen Fokus. Für ihn und für uns. Für eine bessere Welt, eine bessere Zukunft. Eine Vision. Das war mein Feuer, um mich neu zu definieren. Die Inspiration vor Augen und ihn nebendran, so habe ich angefangen mich wieder als Geschäftsfrau zu definieren. Als Working-Mum, Mompreneur, Mother in Business. Ich habe mir diese Begriffe angeschaut und sie gefüllt mit allem was für mich und uns richtig war. Ich habe wieder auf die Ernährung bei mir geachtet und auf mein Aussehen.

Wir sind auch Helden!
Die Erkenntnis für mich aus dieser ganzen Geschichte ist ziemlich ernüchternd und gleichzeitig absolut bereichernd. Ich habe nichts an meinen Werten von damals verloren. Aber ich weiss heute ganz genau, wo und wie ich sie einsetze. So wie die Männer beim Abendessen ihre alten Militärgeschichten ausgraben, so graben wir unsere Schwangerschaftsstreifen und Geburtsgeschichten aus. Wir sind auch Helden. Wir haben auch unsere Narben und Verbündeten. Wir haben auch unsere Geschichte und die dürfen wir haben. Eine Geburt ist eine Initiation der Weiblichkeit, ein Höhepunkt. Aber der Prozess dazu fängt vorher an und hört nachher auf. Bevor der nächste Entwicklungsschub unserer Kinder kommt ;D